bleichweiß grau ockerfarben sepia dämmrig, Stefan Mesch zu Ross Sutherland

 

bleichweiß grau ockerfarben sepia dämmrig 2

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kurze Texte zu den Gedichten von Ross Sutherland.

Text 1, zu “nude III”

Konstantin Ames schreibt hier. Kristoffer Cornils hier.

alle Texte von Stefan Mesch: [1. nude III] [2. Zangief] [3. try try try] [4. Branson] [5. Röntgen] [6. Experiment] [7. van Damme]

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erste Idee: “bleichweiß”, “grau”, “ockerfarben”, “sepia”… und “dämmrig”. mir gefällt, wie man in fünf Worten eine ganze Farbpalette, Lichtstimmung durch einen Text streuen kann: hier funktionieren die Farben wie Gewürze und sie beeinflussen, färben jedes Bild und jedes Wort. nur die “ockerfarbenen Freundinnen” missfallen mir. weil Ocker so ein erdig-unklar-nichtssagender Farbton ist. wollte Sutherland etwas sagen wie: “Die Freundinnen sind graue Mäuse und alle irgendwie gleich“? oder waren sie im Solarium? oder sind sie dunkelhäutig?

so oder so: die Frauen hätten mehr Mühe, einen genaueren Blick verdient.

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zweite Idee: ein Dutzend offener Fragen. mir gefällt das! gehen Kinder in die “Schule der Gebrochenen Hälse”, um sich den Hals brechen zu lassen? oder läuft das wie in einer “Rückenschule”: Leute lassen sich dort behandeln? wozu hat Bethlehem ein Kniffel-Institut? welchem See soll der Stöpsel gezogen werden?

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am wichtigsten: WO spielt dieses Gedicht? an einer Universität, die “weltbekannt” dafür (oder: “famos” darin?)  ist, ihre Farbe zu wechseln? hin und her zwischen “bleichweiß” und “grau”? und draußen, auf der Straße vor der Uni, verbreiten die Laternen Sepia-Licht? und vielleicht hat der Himmel die FARBE von “Warteschleifenmusik”? klingt alles sehr verwaschen. traurig.

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dritte Idee: vielleicht geht es Ross Sutherland um Basics, Standards, Ursprünge / das Erste, Einfache, Primitive… und auf der Gegenseite: das, was danach kommt: “Zivilisation”. Kultur. Errungenschaften. Vergeistigung. Moral.

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“Reptilian Brain” ist der Teil des Gehirns, den höhere Lebewesen mit Echsen gemeinsam haben: das einfachste Betriebssystem, das unsere wichtigsten, aber primitivsten Grundfunktionen lenkt. Ross Sutherland schreibt über eine Uni und eine “Legende” (warum “Legende”?), “wonach die höheren Aufgaben einer Universität um ein altes Reptiliengehirn angesiedelt sind”. was sind das für universitäre Aufgaben? gehört in-der-Bibliothek-”Festsitzen”(!)-und-kaum-aufstehen-Können dazu?

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im Gedicht kommen viele Menschen vor: Hockeyspieler, die Freundinnen “knallen”. Freundinnen, die von Hockeyspielern geknallt werden. “Junge Gemüter” in der Bibliothek. Leute im Imbisswagen, die abends ihre Abrechnung machen (und also: sich ums Geld kümmern. nicht darum, Leuten noch Essen anzubieten). “Das letzte Mitglied einer Improgruppe”, das uralten Heavy Metal hört, und – sicher kein Teil der Uni und ihrer “höheren Aufgaben” – “Azubikrankenschwestern”, die gut gelaunt die Arme “schlenkern”. mir gefällt die Grundfrage: was bringen Unis? was ist Zivilisation? oder auch: wenn du abends über einen Uni-Campus gehst und nachsiehst, wer sich dort bewegt: wie viel “Zivilisation” und “Höheres” siehst du?

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vierte Idee: ich mag Zivilisation. ich mag Unis. ich mag die Gegenwart. viele “früher war alles besser!”-Menschen schreiben “früher war alles besser!”-TEXTE, indem sie wütend, müde oder gelangweilt aufzählen, welche Neuerungen sie selbst für unnötig halten, oder für ein Zeichen von “Dekadenz”.

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Ross Sutherland zählt hier Dinge / Zivilisations-”Errungenschaften” auf, über die viele Menschen sagen würden “DAS braucht kein Mensch! DARAN kann man doch sehen, wie weit es schon gekommen ist: schöne neue Welt! WAS für ein Mist!” ein “Kniffelinsitut” (wer bezahlt so etwas? der Steuerzahler?), “passwortgeschützte Kurzgeschichten” (die armen Geschichten: jetzt werden sie versteckt und in Computern gefangen gehalten? wem nützt eine Geschichte, die von Computerprogrammen bewacht wird?), “junge Gemüter”, die “tief in der Bibliothek festsitzen” (die Jugend von heute! SO wird das nichts: Sesselfurzer, Theoretiker, Waschlappen!), ein “Imbisswagen, der geschlossen hat” (Hamburger machen dick! Untergang des Abendlandes!), die “Warteschleifenmusik des Himmels” (keine Musik ist verhasster als Warteschleifenmusik, und nichts ist sinnloser und entfremdeter, als in einer Warteschleife festzuhängen).

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mir missfällt, dass diese Bilder vage “gegenwartskritisch” sind… und auf eine ganz langweilige, alte, konservative und uninteressante Art und Weise bekannt. brutale Hockeyspieler? passive Bücherwürmer? die EINZIGE etwas vielschichtigere, halb überraschende Figur im Text ist das Improgruppen-Mitglied, das Iron Maiden hört. schade.

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letzte Idee: “Keller voller passwortschützter Kurzgeschichten” ist… blöd. ein unklares, schiefes Bild: was sind das für “Geschichten”? die Sexgeschichten der Hockeyspieler? mir missfällt das Original sogar noch mehr, denn dort heißt es “Basements hum with password-protected short stories”, die Keller BRUMMEN, SUMMEN, so LAUT ist der KRACH, den diese geheimnisvollen Geschichten da unten machen. huhu. bedeutungsschwanger.

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gerne gelesen? ja. mir gefallen viele einzelne Bilder, Stimmungen im Text, mir gefällt, dass er so viel Welt abbilden will, so viele Figuren hat. und mir gefällt der Humor, der in Worten wie “Kniffelinsitut” auftaucht. insgesamt aber habe ich das Gefühl, hier wird – recht platt – Zivilisationskritik geübt und Unis sollen irgendwie “entlarvt” werden, als traurige, einsame, hässliche, sinnlose Orte.

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schlechtestes Wort: “Legende”. Hirnforscher wissen SO viel – da muss man nicht von “Legenden”, Hörensagen, Märchen, Glaubensfragen sprechen. das Gehirn wird erforscht. und Unis, Lehrpläne usw. werden geplant, ganz rational und offen. das Wort “Legende” wirkt hier auf mich… wie ein naives Verneblungs-Zauberwort. fehl am Platz.

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später / danach:
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auch “nude”, der Gedichttitel, könnte eine Farbe sein. aber welche?

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wo sind “nude I” und “nude II”? Konstantin Ames hat recherchiert: “Das Gedicht gehört zum Eröffnungsteil eines zwölfteiligen Zyklus (http://www.rosssutherland.co.uk/main/book/twelve-nudes).”

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“slam” (jemanden gegen etwas drücken, rummsen) und “Knallen” (poppen?), das ist ein großer Unterschied: bei “slam” denke ich an Hockeyspieler, die ihre Freundinnen ruppig-leidenschaftlich gegen den Umkleidespind stoßen. bei “Knallen” denke ich an Vergewaltigungen oder mindestens: lieblosen, schlechten Sex.

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Farben, Grundstimmung und das Thema (“Wir beobachten die Menschen, Händler, Einwohner einer Stadt an einem grauen Abend”) haben mich an diesen kanadischen Song erinnert: “One Great City” von den Weakerthans.

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Kristoffer Cornils nennt das “Sepia der Straßenbeleuchtung” “instagrammig”. Foto-Filter. Social-Media-Kitsch-Effekte. stimmt! vielleicht beschreibt das Gedicht eine Welt, die so aussieht. vielleicht aber (böse, hämische Vermutung) MAG Ross Sutherland solche Kitsch-Filter selbst und will mit seinen Farbbeschreibungen die eigenen Gedichte im selben Stil einfärben. ich werde drauf achten, wie gefärbt / inszeniert / Instagram-kitschig seine anderen Texte sind.

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Kristoffer Cornils schreibt: “‘[O]chre girlfriends’, die von Hockeyteams misshandelt werden”. ich dachte “nur” an ruppiges Petting. Kristoffer Cornils an Misshandlung. oder ganze Gruppen-Vergewaltigungen? ich wünschte, Ross Sutherland hätte sich in der Beschreibung der Hockeyspieler und ihrer Freundinnen mehr Mühe gemacht: dann müssten wir nicht spekulieren, WIE schlecht es diesen Freundinnen geht, und WIE gefährlich oder böse diese Hockeyspieler sind.

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und: Kristoffer Cornils war in Tokio. großartig! ich sebst bin seit 2009 einmal im Jahr für je drei Monate in Toronto. aber: warum Ross Sutherland dort eine “School of Broken Necks” ansiedelt, kann ich mir nicht erklären.

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weiter mit: Ross Sutherlands »Zangief«

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Stefan Mesch, geboren 1983, schreibt für ZEIT Online und den Berliner Tagesspiegel. Er studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, war Herausgeber von BELLA triste und Mitveranstalter des Literaturfestivals PROSANOVA und arbeitet an seinem ersten Roman, “Zimmer voller Freunde”Als Liveblogger begleitete er u.a. das lit.futur-Festival 2013 und den Berliner Open Mike 2012. Buchtipps, Essays, Interviews und Texte auch auf seinem Blog… und erschreckend oft bei Facebook (Freund werden?).

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