zangief liu

 

Zangief von Ross Sutherland

 

Warum eigentlich Zangief und nicht Cammy? Weil die, wie so viele weibliche Game-Figuren, keine besonderen Kräfte, sondern nur riesige Titten vorzuweisen hat? Es gibt da diese große, wichtige und völlig berechtigte Diskussion, die gerade tobt: Videospiele sind sexistisch. Weil Frauen darin Inventar darstellen, keine Akteurinnen sind. Und wenn eine Frau wie Anita Sarkeesian das ausspricht, schlagen ihr Mord- und Vergewaltigungsfantasien entgegen. Nein, es gibt keine Gleichberechtigung in Videospielen, auch wenn die Zielgruppe bei 52% zu 48% stehen soll. Insbesondere da, wo gekloppt und gekillt wird, spielen boys mit boys, weil boys eben boys sind. »Wild boys, wild boys, wild boys.« Zangief ist eben so ein wild boy, muskulös, bärtig und höchstwahrscheinlich ungewaschen. Er würde sich auch im Berghain gut machen, ganz vorne links auf der Tanzfläche. Der Teil, der gerne als »Bärenecke« bezeichnet wird. »the Russian picks his partner from the trees«. Ein wild boys‘ dream, könnt ihr drauf wetten.

 

Zangief habe ich nie ausgewählt, als ich damals bei meinem Nintendo-Freund Michael Runde um Runde bei Street Fighter so richtig hart verprügelt wurde. Ich mochte die grazileren Figuren. Was damals – wie eben auch heute – bedeutete, dass ich die Frauen spielen musste. Die waren nur leider eben halb so stark wie die bauchigen Typen, mit denen sie es zu tun hatten. Noch so ein Grund, warum ich immer verloren habe. Zangief aber ist ein übermännliches Ungetüm, so ein richtiger Testosteroni. Ein (Arche-)Typ, wie er vor über 20 Jahren schon beliebt war und es immer noch ist. Wenig Hirn, viel Muskeln. Ein natural born winner.

 

zangief liu

Sutherland geht in seinem Text der Frage auf den Grund, warum unser Bodybuilder-Bärchen eigentlich so ein Untier ist, der laut Spiel-Booklet auch gerne mal seine Artgenossen, die sibirischen Bären, hopsnimmt. Boys beating bears. Es ist nämlich nicht wirklich überraschend, dass ausgerechnet die Darstellung eines Russen durch die Japaner (ich kann das »_innen« an dieser Stelle wohl stecken lassen) von Nintendo ziemlich stumpf ausfällt. Die beiden Nationen sind sich schon seit einiger Zeit nicht sonderlich grün und Japan hat, verkürzt gesagt, eh ein paar kleine Rassismusprobleme. Kurz: Zangief ist eben auch so ein Überuntermensch, weil er Russe ist. Was in dem Fall bedeutet, dass er ein Barbar ist. Im Text Zangief zeigt Sutherland das, sagen will er damit aber das Gegenteil.

 

So nimmt er sich nicht nur den Topos der übermännlichen Spielfigur vor, er spielt auch bewusst mit dem Motiv des Bärenkloppens: Der Bär muss kulturgeschichtlich gemeinhin als Allegorie für Russland herhalten. Der wild boy Zangief, selbst so ein pixeliges, martialisches Symbol für den grobschlächtigen Nachbarstaat, prügelt so gesehen seine eigene Herkunft, bis deren Schädel splittert. Das wäre übrigens aus japanischer Sicht der höchste aller Hochverrate. Sutherland denkt das Klischee vom überpotenten, manierenbefreiten Haudruff weiter, treibt es auf die Spitze. Und mit der stichelt er auf dem Rassismus des character designs herum. So weit, so gut. Aber dann?

 

Dann aber lässt er den Russen Russland, sich selbst, ausbluten. Nicht einfach so aus primitiver Grausamkeit heraus, sondern als eine Art Lektion. Russland soll solange bluten »until he sees those stars again«. Und wenn’s auch nur der eine ist, der über Hammer und Sichel prangt, oder was? Wirklich eindeutig wird der Text nicht, und doch: Zangief, das Gedicht und nicht der Typ, riecht nach Revolutionsaufruf. Das ist zwar sozialverträglicher als »stinking of shit« durch die Gegend zu müffeln, aber: Wer wie Sutherland als Europäer soweit geht, den anderen ihre Vorurteile vorzuhalten, sollte sich auch die eigenen vorhalten. Denn auch in seinen Videospiellandschaften tauchen Frauen nicht auf, vielmehr prügeln sich halt die Russen (eben auch nicht: _innen) gegenseitig die Scheiße aus dem Fell. Im Optimalfall für eine bessere, nicht weiter definierte Zukunft.

 

Ich weiß nicht, wann Sutherland Zangief geschrieben hat. Aber gerade im Jahr 2014, wo die westliche Gesellschaft und insbesondere deren Presse anlässlich der brenzligen Situation in der Ukraine mit negativen wie positiven Vorurteilen um sich schmeißt, wirkt es auf mich umso brisanter. Noch ein bisschen spitzer, noch ein bisschen stumpfer. Weil es, indem es die Vorurteile vorführt, sie auch bestätigt. Unter anderem das vom muskulösen, russischen Gewinner, der sich die Bären zu Untertanen macht.

 

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Von Kristoffer Cornils

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