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(c) Kristoffer Cornils

Infinite Lives (Try, try, try again) von Ross Sutherland

 

Ich habe nie eine Spielkonsole besessen und trotzdem immer Videospiele gespielt. Auch wenn Muddan auf pädagogisch wertvollen Krimskrams – Brettspiele und, echt jetzt: Holzspielzeuge und das alles – bestand und mir in meiner Teenager-Zeit schlicht das Geld fehlte, habe ich seit der Grundschule an ziemlich viel mitnehmen können. Denn ich hatte Nintendo-Freunde. Michael und später dann Jan, irgendwann kam Helge. Mit denen traf ich mich bei ihnen und wir zockten den ganzen Nachmittag und, wenn Wochenende war, auch mal die Nacht durch. Guter Deal für beide Seiten: Ich konnte daddeln, solange ich wollte und sie hatten einen Sparring-Partner, der ihnen das gute Gefühl gab, unschlagbar zu sein. Ich habe nämlich nur in den seltensten Fällen gewinnen können.

 

Ich mochte wohl fiktive Welten schon immer lieber als die, in der ich angeblich leben sollte. Schon als ich noch gar nicht lesen konnte, war ich regelmäßig in der Stadtbücherei, Comics gucken. Als Muddan sich irgendwann weigerte, meinem fünf Jahre alten Ich einen ganz besonders pädagogisch wertlosen Comic vorzulesen, habe ich mir das Lesen dann einfach selbst gebracht. Vielleicht war das aber nur ein besonders smarter, pädagogisch wertvoller Trick von Muddan, dem ich da aufgesessen bin. Ich las alles, was mir zwischen die Finger kam. Kinderfreundliche Literatur, nicht ganz so kinderfreundliche Sagengeschichte und später dann Krimis und Thriller, die alles andere als kinderfreundlich waren. Nebenbei entdeckte ich außerdem das Fernsehen, das heißt: Ich durfte endlich mal gucken. Und verlor mich mit der gleichen Intensität, mit der ich auch durch die Zeilen jagte, in Cartoons, Spielfilmen und Action-Serien.

 

Vielleicht habe ich also nach und nach einen problematischen Realitätsbezug entwickelt. Das zumindest war immer Muddans Sorge, deswegen hat sie mich ab und an aus dem Haus geschmissen, damit ich mich mal wieder mit dem echten Leben umgebe, statt heimlich im Bett zu lesen, mich verstohlen ins Fernsehzimmer zu schleichen oder bei meinen Nintendo-Freunden abzuhängen. Vielleicht aber habe ich dabei einfach nur eine besondere Wahrnehmung entwickelt. »I have helmed enough spaceships in my time / to understand a lounge in three dimensions.« Videospiele haben nicht meine Fantasie gekillt, sie haben sie erweitert. Ich konnte sie im echten, also richtig echten Leben anwenden, so wie Sutherlands Text das vormacht. Noch bevor der Begriff augmented reality aufgetaucht war, hatte ich das schon als Praxis verinnerlicht.

 

Was nicht allein positiv ist, klar. Irgendwo lauert immer »some great crash yet to come«, vielleicht wird er sogar herbeigesehnt. Um mal auszuprobieren, ob es wirklich Infinite Lives, unendlich Leben, in diesem einen gibt. Kurz speichern, was riskieren, dabei draufgehen, resetten und entspannt von vorn anfangen. Easy, oder? »I used to watch // those bartenders and think that they were fakers.« Als würden die anderen nicht auch in ihren filter bubbles leben, sich ihre eigene Welt zurechtzimmern. Wenn wir uns alle unsere Realitäten selbst schaffen, und sei es nur die Realität vom besonders realen Leben, das nun mal ist wie es ist – warum das nicht auf die Spitze treiben?

 

Wegen der »out-takes« vielleicht. Dem, was kein Film zeigt, was in keinem Buch steht und was in jedem Videospiel nur überflüssiger Ballast wäre. Wenn nach dem Risiko was draufgeht. Und es keinen letzten Speicherpunkt gibt, von dem es sich respawnen ließe. Das habe ich wie nebenbei nämlich auch gelernt: Dass ich ab und zu eben auf die Fresse fliege oder kriege, wenn ich zu weit gehe. »OK I finally get it«, das wäre mir nie über die Lippen gekommen. Zumindest nicht das »finally«. Weshalb ich diesen Text etwas banal, um nicht zu sagen moralinsauer finde. Muddan hätte ihn vielleicht gut gefunden, damals. Nach dem Motto: Du wirst schon rausfinden, dass das nicht das echte Leben ist. Als würde das mit der Trennung zwischen virtuell und echt so einfach hinhauen. Was ich eben nicht denke. Ja, I got it, sowas von. Trotzdem, nein halt, gerade deshalb: Lebe ich lieber in allen möglichen Realitäten zugleich, als zu kapitulieren und mich in die eine zurückzuverkriechen. Als Belohnung winken Infinite Lives.

Von Kristoffer Cornils

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