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A Second Opinion von Ross Sutherland

Das Theater des 21. Jahrhunderts sieht so aus: Nackte Menschen stehen auf einer nackten Bühne und schreien sich an. So will es das Klischee, so ist manchmal die Realität. Nach spätestens zwei Aufführungen schockt das niemanden mehr, wirkt irgendwie ziemlich überflüssig. Gut machte es mal die Volksbühne, die einer Inszenierung von Père Ubu von Alfred Jarry das kurze Herzstück von Heiner Müller voranstellte. Da standen dann zwei nackte Kerle auf er Bühne. Die schrien nicht, sondern sprachen so ruhig wie besonnen miteinander und beim Satz »Es ist mir ein Vergnügen« griff die ZWEI der EINS ganz nüchtern an den Sack. Irre. Witzig. Irre witzig. Und ziemlich schlau eigentlich.

 

Das Ich aus Ross Sutherlands A Second Opinion lässt sich weder ans Herz noch in den Schritt grabschen, es bringt nur Röntgenbild mit, um seine (wortwörtlich:) innere Verfassung zu beweisen. »I told you what was in my heart«, aber das reicht eben nicht. Worte sind noch keine Beweise. Und die braucht es, warum auch immer. Es bleibt dem Ich also nichts anderes übrig, als armer Schluffi dazustehen, »tapping the acetate«. Dabei labert es weiter: Das hier, das ist eigentlich das. Und das, das ist das. Sein Gegenüber sieht wohl die hellen und dunklen Flecken, nicht aber den »a dead fox overlapping an empty wardrobe«. Es braucht eine zweite Meinung und selbst die liefert keine Ergebnisse.

 

Da hängt er nun, der arme Torso und ist so klug als wie zuvorso: Nämlich gar nicht. Das Röntgenbild zeigt nichts von dem, was das Ich im eigenen Brustkorb wähnt. Es müsste sich dazu schon ganz in Heiner-Müller-Manier das Herz herausschneiden lassen. Doof nur, dass das ein klitzekleines bisschen tödlich wäre. Da hat es die Volksbühne schon klüger angestellt, die Extremitäten baumeln ja frei herum und vielleicht findet sich sogar jemand, der sie lesen kann. Unsere Triebe sind halt leichter zu lesen als unsere Psyche. Das weiß ja auch der umtriebige Faus Goethes, der auch »nicht mehr in Worten kramen« möchte und bei dem sogar zwei Herzen in einer Brust pochern.

 

A Second Opinion ist eine einzige Krise. Die Worte versagen, das Bild allein ist noch kein Garant für Verständnis. Klar sieht »the September evening in my chest« milde aus für die Person, die diesen Septemberabend im Herzen trägt. Ob das Gegenüber jedoch dieselbe Wetterlage erkennt, das ist damit noch nicht gesagt. Zurück bleibt nur die Hoffnung darauf, dass alle Worte und Bilder dem anderen Menschen genug an die Hand gegeben haben, um zu verstehen. Das ist aber, sobald Sprache und Zeichen ins Spiel kommen, gar nicht mal so simpel. Wenn ihr versteht, was ich meine.

Von Kristoffer Cornils

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