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Richard Branson von Ross Sutherland?

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Ich wusste nicht, wer Richard Branson ist. Wozu aber gibt es Wikipedia? Ross Sutherland tut mir den Gefallen, direkt auf den Eintrag zum Virgin-Gründer zu verlinken. Das gesamte Gedicht Richard Branson ist mit Hyperlinks angereichert. So wird dann der Text zum Hypertext. Er verbindet sich mit der Welt und schafft in sich neue Querverweise. »My love« und »combination« linken beide auf die Wikipedia-Seite zu Jocelyn Bell Burnell, die mir ebenfalls nicht bekannt war, von der ich vielleicht nie etwas gehört hätte, wenn Sutherland mich nicht von den Worten »My love« und »combination« zu ihr gelockt hätte.

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Richard Branson vernetzt auf diese subtile Art Themen miteinander: Naturwissenschaft, Popkultur, Kommerz. Die sind so nicht offensichtlich in den Text eingeflochten, sondern werden drangetackert. Das Gedicht erklärt sich damit ein bisschen, hilft bei der Interpretation – und macht sie gleichzeitig schwieriger, weil die Informationen zunehmen und sich noch mehr Gedankenfäden zusammenstricken.

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Wo wir schon beim Text sind, können wir ja auch gleich zu den Textilien übergehen: In seinem Buch Unknown Pleasures erzählt Peter Hook über die Zeit bei Joy Division, dass die Band in ihrer mal ordentlich zur Kasse gebeten. Es ging um nicht versteuerte Einkünfte, die aus Merch-Verkäufen hervorgingen. Das Finanzamt kassierte die Band gnadenlos ab, obwohl die beteuerte, niemals überhaupt Bandshirts produziert zu haben. Das muss wohl auch unglaubwürdig gewirkt haben: In den Straßen von Manchester waren überall Joy Division-Shirts zu sehen. What is this? I’ve seen it on tumblr.

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Diese Shirts sind auch aus dem Berliner Stadtbild noch 24 Jahre nach Ian Curtis’ Selbstmord nicht wegzudenken. Im Mauerpark verkaufen Bootlegger sie neben anderen Shirts, die zum Beispiel Raymond Pettibons Black Flag-Logo oder das Cover von Sonic Youths Goo zeigen. Das ikonische Artwork von Peter Saville zum Joy Division-Debütalbum aber wurde auf ganz besondere Art weitergetragen. Sogar Disney erlaubte sich ein Rip-Off-Design. Weil eine Band, die sich ihren Namen von einem KZ-Zwangsbordell aus dem Roman House Of Dolls geliehen und deren Sänger sich vor seinem Suizid Lyrics wie »Existence, well what does it matter« aus den Fingern geleiert hat, ja auch so kinderfreundlich ist.

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Die Weiterverwendung von Savilles Design zieht häufig Empörung nach sich. Sie richtet sich gegen Einzelpersonen, die »nicht mal wissen, wer Joy Division sind« oder generell »keine Ahnung von Musik haben«. Sie richtet sich kommerzielle Unternehmen, die die Indie-Band Joy Division vom Indie-Label Factory (über das übrigens der vielleicht beste Musikfilm aller Zeiten gedreht wurde) für ihre Zwecke verwenden. Sie richtet kurz gesagt dagegen, dass das Design aus seinem subkulturellen Kontext gerissen wird, im Internet landet und disseminiert. Bis niemand mehr darin seine ursprüngliche Bedeutung, sondern nur noch ein schönes Stück Design sieht. What is this? I’ve seen it on tumblr.

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Dabei hat Saville es eigentlich – nach einem Hinweis von Drummer Stephen Morris – selbst ebenfalls gestohlen, aus seinem Kontext gerissen und wie ein bedeutungsloses Stück Design behandelt. Und Jocelyn Bell Burnell keinen Credit dafür gegeben, die durch die Linien abgebildeten Pulsare jemals entdeckt zu haben. Hier verheddern sich nämlich zwei Stricke, die Sutherland per Hyperlink in den Text eingeflochten hat. Und lassen weiterdenken: Bell Burnell hat für ihre Arbeit sonst ebenfalls wenig Anerkennung gefunden, landete immer auf dem zweiten Platz hinter ihren männlichen Kollegen.

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»Here I was all stressing about copyright infringement… but now it looks like the image itself might have been infringed upon already!«, steht in dem von Sutherland verlinkten Text über die Geschichte des Artworks von Unknown Pleasures. So macht Sutherland eine Meta-Ebene auf: Indem er auf fremde Quellen verweist, thematisiert er unseren Umgang mit fremden Quellen. Es geht ums Urheberrecht, auf das Großkonzerne wie das von Richard Branson gegründete Virgin pochen, wenn sie gegen Filesharing vorgehen. Dabei geht es nicht um den Respekt gegenüber den Künstler_innen, sondern schlicht ums Geld. Viel Geld. Und das, obwohl zum Beispiel Virgin Millionen mit Rap-Artists gemacht haben und Hip Hop ohne seinen – sagen wir mal: großzügigen – Umgang mit Samples und damit auch Urheberrechten nicht denkbar gewesen wäre.

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Schon 1956 wies der Philosoph Roland Barthes auf den Zusammenhang von Urheberrecht und Kapitalismus hin. »Der Tod des Autors« hieß der Text, der zum geflügelten Wort wurde. Der Autor (und bestimmt auch wohl die Autorin) hat laut Barthes nicht wie zuvor propagiert die absolute Kontrolle über sein Werk. Mit seinem Tod fängt die »Geburt des Lesers« an. Das Lesen eines Textes bedeutet damit auch immer schreiben, nämlich in den Text einschreiben. So, als würde ein_e Leser_in Hyperlinks in die Zeilen vor ihr_ihm einfügen. Das stellt natürlich auch das Urheberrecht infrage. Wenn wir erst eigentlich dem Text einen Sinn geben – warum soll die Person, die ihn geschrieben hat, die Kohle dafür bekommen? Und eh: Müsste diese Person nicht was abgeben – an alle Menschen, deren Werke sie hat in diesen Text einfließen lassen?

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Barthes veröffentlicht diesen Text zu einem kulturgeschichtlich interessanten Zeitpunkt: Es ist auch die Geburtsstunde der Popkultur. Pop-Musik, so analysiert etwa der Pop-Theoretiker und Journalist Diedrich Diederichsen, wäre ohne ihre Rezipient_innen nicht denkbar. Dass Popkultur und die medialen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte eng miteinander verknüpft sind, zeigt uns allein unser Wortgebrauch. Wir samplen, remixen und prosumieren was das Zeug hält. Und lassen das Urheberrecht dabei meistens links liegen. What is this? I’ve seen it on tumblr.

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Sutherlands Gedicht diskutiert also auf einer Ebene hinter dem eigentlichen Text Fragen des Urheberrechts – müssen wir nicht unsere Quellen transparent machen? Den Urheber_innen Credit geben? Was ist eigentlich ein Original? – und verschärft diese Fragen in der Art, wie sie in den Text eingebracht werden. Indem er uns zeigt, wie wir uns mittlerweile durch Medien bewegen. Das ist ziemlich smart. Im Grunde funktionieren Gedichte schon immer so: Sie fordern uns auf, weiterzugehen. Ob das nun rein gedanklich oder per Klick stattfindet, das macht nur einen kleinen Unterschied.

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Was allerdings einen gewaltigen Unterschied macht: Wenn ich mich als Leser irreführen lasse. Simone Kornappel, nicht Ross Sutherland hat die Links in den Text gesetzt, schrieb sie mir kurz nach Veröffentlichung dieses Kommentars. Damit hat sie den armen Sutherland zwar – in Barthes Metaphorik zumindest – gekillt, aber meine Argumentation nochmals bestätigt: Wir werden als Rezipient_innen von Medien immer aktiver und stellen damit auch den klassischen Begriff von Urheberschaft in Frage. Habe ich also nun einen Text von Ross Sutherland… oder aber Simone Kornappel interpretiert?

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What is this? I’ve seen it on tumblr.

Von Kristoffer Cornils?

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