(c) Tobias Bohm

In meiner Auswahl habe ich mich für Vincent Message entschieden, einen französischsprachigen Autor, der wie ich 1983 geboren ist und in Paris lebt. Meiner Auswahl geht kein persönliches Bekanntschaftsverhältnis voran und kein Aufeinandertreffen. Ich wollte gerne eine Autorin / einen Autor einladen, der kann, was ich nicht kann, nämlich erzählen; der aber so erzählen kann, dass ich verstehe, warum erzählt wird, weil ich das meistens nicht verstehe: Das Erzählen trabt dann nämlich vor sich hin in gerader Sprache, trägt eine Geschichte vor sich her, behauptet eine Unmittelbarkeit, die es sich selbst gar nicht glauben kann und ich als Leserin erst recht nicht, weil ich gar nicht weiß, was diese Unmittelbarkeit sein soll, die sich dann auf mich als Gefühl zu übertragen hat, das aber eh nichts mit meiner Körperlichkeit zu tun hat.

 

In „Die Wächter“, seinem ersten Roman, greift Vincent Message ein Genre auf – das des Kriminalromans. Ein Mann erschießt auf der Straße drei Menschen und schläft auf ihren Leichen ein. Er wird verurteilt, seine Zurechnungsfähigkeit soll geklärt werden. Mich interessiert an Vincents Messages Text, dass die Frage nach der Zurechnungsfähigkeit hier nicht bloß eine handlungsgebundene, sondern eine formimmanente ist: Was ist feststehend, was wankt, mit welchen gesicherten Parametern, die die Welt begrenzen, kann hier überhaupt operiert werden, und wo beginnt die Welt und wo hört sie auf? Der Autor schafft eine Figur und setzt sie aber nicht als fest, sondern die Figur begreift sich selbst als Konstruktion, die in einer großen Geschichte steht, so lange sie nicht mit dem Reden aufhört. Das bewirkt, dass die Erzählung nicht einfach abläuft und trotz eines erzählenden Ichs gesichert ist, geordnet; sondern dass ich mich selbst orientieren muss, zurechtfinden oder eben auch nicht, dass ich also wirklich eintauche in eine andere Welt, gerade weil ich sie nicht immer überblicken kann, gerade weil ich mich selbst orientieren muss und das manchmal nicht kann und das aber nicht bloß denke, sondern auch spüre, ohne aufgedrängten Identifikationszwang.

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