zangief 2 ross sutherland

zangief ross sutherland.

kurze Texte zu den Gedichten von Ross Sutherland.

Text 2, zu “Zangief”

Konstantin Ames schreibt hier. Kristoffer Cornils hier.

alle Texte von Stefan Mesch: [1. nude III] [2. Zangief] [3. try try try] [4. Branson] [5. Röntgen] [6. Experiment] [7. van Damme]

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erste Idee: Gott. Zangief. so viele Figuren hätte ich als Kind gerne persönlich gekannt (eine Liste meiner Kindheits-Helden ist HIER, eine Liste der Videospiele, die für mich wichtig waren HIER): ich hätte von Dagobert Duck, Papa Schlumpf oder Donatello von den “Turtles” gelernt. Mrs. Brisby oder die Cosbys hätten mich gemocht… und würde ich morgen im “Street Fighter”-Universum aufwachen, ich denke, Chun-Li oder Dhalsim, notfalls Blanka, E. Honda, M. Bison würden mit mir Kaffee trinken: DAS sind die Street Fighter, zu denen ich Anschlusspunkte sehe, die mich auf irgend einem Level interessieren, mir wenigstens als Konzept, Idee sympathisch sind. Zangief macht mir Angst. Zangief macht mich platt. Zangief gehörte ab 1992 (ich war acht oder neun) in die selbe Ecke, in der auch Pippi Langstrumpf lauert, Roseanne oder Bart Simpson: Wären Zangief und ich Teil der selben Realität… ich wäre erledigt. Zangief würde mich ZERSTÖREN.

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haarig. verschwitzt. distanzlos. der tollwütige Blick. die engen Speedos. Bart und Frisur. und sein Spezial-Move, bei dem er den Kopf (!) des Gegners in den Boden rammt… als Heldencomic-Leser kenne ich eine MENGE schlechter, liebloser oder rassistischer Kämpfer- und Haudrauf-Figuren aus Russland. doch Zangief ist die widerlichste, brachialste Schablone für solche Vorurteile: mir gefällt, dass Ross Sutherland mit Rand- und Nebenfiguren meiner Kindheit literarisch arbeitet. aber wirklich: muss es Zangief sein?

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zweite Idee: “Black Island”? gibt es eine vielleicht russische Insel, die… oha: “eine Insel des Kurilen-Archipels. Sie gehört zu Russland, wird aber von Japan als Teil der Unterpräfektur NemuroHokkaidō beansprucht.” Zangief ist die Karikatur eines russischen, chauvinistischen Unterdrückers, erfunden von japanischen Entwicklern. Konstantin Ames denkt das weiter: “Die Frage, die das Gedicht stellt, lautet: Warum sollte ein patriotischer Russe mit einem Bären ringen, der doch sein Land symbolisiert, und den er töten müsste, um den Kampf zu überleben? Wie würde er sich hinterher fühlen? Die Antwort darauf: Es wäre eine Tragödie.”

leider ist die Spielanleitung von Nintendo besser geschrieben, bildstärker, kulturell interessanter und macht mich nachdenklicher als das, was Ross Sutherland dann mit leierndem Rhythmus und Schwurbel-Kitsch-Klischeebildern hinzufügt. gefällt mir nicht.

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dritte Idee: vielleicht langweilt mich “Zangief”, weil hier linear ein einziger simpler Ablauf beschrieben wird: Gedichte stellen Ideen, Worte, Fragen und Bilder gegeneinander, die in 1000 Spannungen und Widersprüchen stehen: nirgends reibt sich so viel offene, nicht abschließend erklär-, entscheidbare Bedeutung auf engstem Raum. mir missfällt die simple, superdick aufgetragene Mann-gegen-Tier-Geschichte, weil sie mich nicht zum Nachdenken bringt oder überrascht.

Ross Sutherland beschreibt die Szene distanziert – und hämisch: Mann und Bär (und also: ganz Russland?) sind “Amputierte”, der “Pelz stinkt nach Scheiße”, die Sinne sind “benebelt”, sogar das Brechen des Genicks klingt “wenig überzeugend”. Konstantin Ames übersetzt “Partner” als “Gespiele” und macht die Szene damit noch schmieriger, läppischer, hermetisch. die Adjektive? “leer”, “schmal”, “dünn”, “wenig überzeugt”: ein dürftiger, trauriger Kampf.

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vierte Idee: Ross Sutherlands “nude III” warf für mich spannende Fragen auf. “Zangief” bleibt zu fadenscheinig, und ich frage ungeduldig und genervt: warum sieht der tote Bär als Bärenleiche auf dem Eis (?), aus wie “eine Flächenkarte von Russland”? unter dem Eis ist “rötlicher Schlick” (nein: auf dem Eis klebt Blut)? “he bleeds until he sees those stars again”: kann man auf der Insel (wegen den Bäumen?) keine Sterne sehen, sondern nur am Boot? geht es, wie Kristoffer Cornils vorschlägt, um kommunistische Sterne oder amerikanische Stars and Stripes? verstehe ich mehr, wenn ich über das Sternbild des Bären recherchiere? mir ist das alles zu vage. oder zu platt. missfällt mir.

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letzte Idee: Zangief hat Pelz auf den SCHIENBEINEN. und: nur da. der Rest seiner Beine ist haarlos.

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gerne gelesen? nein. eine unnahbare, platte und unsympathische Figur wird in einer Sprache beschrieben, die mir falsch, lieblos und aufgesetzt erscheint. “Street Fighter” handelt von Zweikämpfen. die ganze Spielreihe fragt seit über 20 Jahren neu, was passiert, wenn ZWEI Figuren, meist aus verschiedenen Ländern, aufeinander treffen. vielleicht fehlt Ross Sutherland hier vor allem ein würdiges Gegengewicht: der tote, traurige Bär auf dieser schwarzen Insel voll Eis ist kein interessanter / interessant beschriebener Gegner. oder “Gespiele”.

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schlechtestes Wort: “a waltz, a final dance” / “ein Walzer, ein letzter Tanz”: muss JE-DER Zweikampf auf den Tod immer mit einem TANZ verglichen werden? JE-DES Mal? von einem guten Lyriker erwarte ich mehr.

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zangief 3

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später / danach:
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“the claw lacerations masked by ginseng” passt nicht ins Reimschema. ich stolpere bei jedem Lesen.

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“Zangief loves his country. But he loves to stomp on his opponents even more”: ich denke an die totalitäre Welt (und ein konkretes Zitat: “If you want a picture of the future, imagine a boot stomping on a human face — forever.”) aus George Orwells (tollem, zurecht geliebten) “1984″ und frage mich, ob die amerikanischen Super-Nintendo-Bedienungsanleitungs-Autoren oder die japanischen Capcom-Programmierer Ende der 80er ABSICHTLICH den (totalitären) Russen zum (totalitären) Stampfer machten.

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…und wurde Zangief von Mr. Ts Rolle in “Rocky 3″ inspiriert?

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“a man who wrestles bears for fun” = “ein Mann, der aus Übermut mit Bären ringt”? lieber hätte ich die Orginal-Übersetzung der deutschen Spielanleitung gelesen, von ca. 1991.

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“narrow skull” = “die schmale Rummel”? Kompliment an Übersetzer Konstantin Ames. ein Bärenschädel wird “Rummel” genannt?

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ich verstehe, dass Zangief ein Schönheitsideal trifft, vor allem bei schwulen “Bears”. er erinnert mich an japanische Bara-Manga und ich freue mich, dass ihn Fans auf Tumblr oft liebenswerter, tapsiger, Winnie-Puh-hafter darstellen als in den offiziellen Spielen. aber: ich verstehe, was Typen wie DIESEN Mann attraktiv macht. vor Zangief selbst habe ich weiterhin… NUR Angst.

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Ross Sutherland hat über alle 12 “Street Fighter II”-Figuren Gedichte geschrieben, jeden Text von Illustrator*innen gestalten lassen und sie als eBook veröffentlicht. erst, als ich diese eBook-Ankündigung lese, merke ich, dass da “Sonnet” steht, nicht einfach “Gedicht”. erklärt das die Spalten, Zeilenumbrüche, den Rhythmus? hat Ross Sutherland ein “korrektes” Zangief-Sonett geschrieben?

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Zangiefs “prototypical name”, verrät das “Street Fighter”-Wiki, “was Vodka Gobalsky.” na dann!

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weiter mit: Ross Sutherlands »Infinite Lives (Try, try, try again)«

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Stefan Mesch, geboren 1983, schreibt für ZEIT Online und den Berliner Tagesspiegel. Er studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, war Herausgeber von BELLA triste und Mitveranstalter des Literaturfestivals PROSANOVA und arbeitet an seinem ersten Roman, “Zimmer voller Freunde”Als Liveblogger begleitete er u.a. das lit.futur-Festival 2013 und den Berliner Open Mike 2012. Buchtipps, Essays, Interviews und Texte auch auf seinem Blog… und erschreckend oft bei Facebook (Freund werden?).

1 Kommentar

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