© Edward Burtynsky
© Edward Burtynsky

© Edward Burtynsky

und irgendwann ist mir passiert, was mir meistens passiert, wie man vielleicht bemerken kann, ich schweife ab so dann und wann, und denke über etwas ganz anderes nach. über mein eigenes lesen zum beispiel. ich lese parasitär. weil ich immer schon mitschreibe, aus angst, dass ich nicht mehr kommuniziere, glaube ich. ich sehe ob ich mich einklinken kann in eine sprache, eine sicht, eine welt, einen ort, vor allem wahrscheinlich in die sprache, und wenn, dann beute ich diese sprache aus, gnadenlos, ich glaube aus einer ikonoklastischen überzeugung heraus, um mich vor dieser sprache irgendwie zu schützen, um sie zu entwerten auch, das ist ein recht gewaltvoller vorgang stelle ich gerade fest.

 

ikonoklasmus der sprache – kein auslöschen, verbrennen, durchstreichen eher eine imitation einer sprache. sie von ihrem hohen ton herabreißen. sie dadurch verspotten. sie noch viel lauter sprechen lassen.

 

Au moindre saxophone, le grand déguisement.

ich fange an in dieser sprache zu denken und in dieser sprache dann auch eine weile zu schreiben, es ist wie ein rhythmus, der sich über alles drüberlegt, wie ein lieblingsalbum, das man ein jahr lang rauf und runter und dann gehts plötzlich nicht mehr und man weiß gar nicht, ich weiß gar nicht, warum, bis ich etwas anderes zu lesen bekomme und dann die sprache wechsle, andere klangfarben schätze, bis ich sie nicht mehr aushalte, und weil ich recht viel gleichzeitig lese meistens und sachen auch oft nicht zu ende, wodurch ich dann nie wirklich verstehe, worauf eine sprache hinausläuft, vermischen sich die sprachen oft recht wirr und ich versuche dann eher zu vermitteln zwischen ihnen, zwischen den verschiedenen kontinenten dieser unzähligen sprachen. und überlege mir dann immer, wer da jetzt eigentlich genau, also welcher ton, welches instrument, welche geschichte, welche färbung, welcher hintergrund, welche melodie und wie man das mit dem übrigen ensemble zusammenpacken kann.

ich lese tram 83 mittlerweile auf französisch

wie ein beatnik gedicht

Il avait suffisamment
analysé la gamine
et l’avait même
imaginée
sur son grabat
malgré la pénombre.
Il l’attira contre son corps,
demanda son nom,
«appelle-moi Requiem»,
promena ses doigts
sur les mamelles
de la jeune créature,
une autre phrase:

«Tes cuisses, la prestance
d’une bouteille
de vodka …» avant de disparaître
dans la masse,
visqueuse,
glauque,
gluante,
lugubre…

Il fallait
une
consigne. Indiquer
un
lieu où ils pourraient causer à tête reposée.
La jeune femme insistant,
il soupira,
se mordit les
lèvres et balbutia:
«Rendez-vous au Tram 83».

unter uns: ich kann kaum französisch. trotzdem lese ich das französische original und versuche zu entziffern, was da gesagt wird.

ich lese einfach drüber weg, viel zu schnell und verstehe ein paar einzelne bruchstücke und und tue dann so als bräuchte ich nicht mehr:

La même légende, comme xx xxxx ne xxxxxxxx pas, prétendait que la construction xx xxxxxx xx xxx avait fait de xxxxxxx morts xxxxxxx aux maladies tropicales, aux xxxxxx techniques, aux xxxxxxxx conditions de travail xxxxxxx par l’administration coloniale, bref, on connaît le scénario.

manchmal verstehe ich alles, ohne zu wissen was da steht:

Nuit de la débauche, nuit de la beuverie, nuit de la mendicité, nuit de l’éjaculation précoce, nuit de la syphilis et autres maladies sexuellement transmissibles, nuit de la prostitution, nuit de la débrouille, nuit de la danse et de la danse, nuit qui engendre des choses qui n’existent qu’entre un excès de bière et l’intention de vider sa poche qui exhale les minerais de sang, cette bouse juchée au rang des matières premières, au commencement était la pierre…

© Bluegrass Dive Club

© Bluegrass Dive Club

ständig ändert sich die zeit

beim lesen bin ich mir sicher, wir befinden uns in den fünfziger/sechziger jahren, kurz vor dem vermeintlichen ende des kolonialistischen zeitalters. schon nach dem ersten absatz bin ich mir sicher, ich bin nicht unter seemännern aber irgendwie in küstennähe, bei jean genet, ich bin kurz vor dem wechel zur postkolonialisierung, als die öffentliche haltung endlich umschlug und ein bewusstsein der ungerechtigkeit einsetzte. ich bin bei einer erschöpften, missbrauchten, ausgebeuteten natur, die nichts mehr hergibt und immer noch beackert wird. linien laufen ineinander zwischen beat poesie, ausbeutung, klimawandel und kolonialisierung und mir gefällt die darstellung von frauen nicht, das wollte ich gesagt haben, aber ich denke mir, das muss so sein, du hast sicher wieder etwas übersehen, da, schau einmal genau hin, du schaust in diese welt hinein nur durch einen menschen, der selbst überfordert ist, von zeit, raum und ort und seine überforderung versuchst du wieder runterzubrechen auf deine fiktion einer geregelten wahrnehmung, die du immer nur abends, zur post-bürgerlichen stunde im blauen flimmern am rechner zustandebringst, also irgendwie, glaube ich, dass ich mich wieder geirrt habe, wie ich immer vermute, beim lesen, dass ich mich irgendwo geirrt habe, irgendetwas überlesen habe, ich habe wieder nicht aufgepasst und irgendwas vergessen, wieder nicht genau genug gelesen, das wurde mir immer schon erklärt, dass ich recht schlampig lese, hieß es immer, ich lese schlampig, ich wusste nie so genau was das heißt, als kind hatte ich dann immer das gefühl, oder dann später auch immer noch als jugendlicher, wenn sich immer alles ändert, ständig ändert sich die zeit, auf jeden fall hatte ich immer das gefühl, dass ich schmutzig sei, weil ich schlampig lese, dass meine hände schlampig umblättern, ich habe irgendwie versucht zu verstehen, was schlampig lesen heißen kann, irgendwer wird mir gleich sagen, dass ich etwas übersehen habe, aber da steht doch, oder hier heißt es doch, und ich werde dann nachgegeben haben und werde die verknüpfung trotzdem gemacht haben.

ständig ändert sich der ort

eine klippe, die tram 83 ist nicht größer als ein tramwagen der wiener linien, aber darin spielen eine große jazz band, es tanzen mindestens hundert menschen, die bar alleine sprengt schon den tramwagen, es ist außerdem ein diner, aber ein fake, einer, der in frankreich steht, der an einer nebligen klippe mitten in zentralafrika steht, kein meer weit und breit aber eine klippe und viel nebel und ein wald und sonst ist da eigentlich nicht viel. es ist dunkel und ich bin mir sicher, dass ich wieder irgendwas vergessen habe, dass ich wieder irgendwas übersehen habe, ich gehe noch einmal zurück, nous marchions dans les ténèbres de l’histoire, sicher habe ich wieder irgendwas übersehen, irgendeinen hinweis, les jazzmen se retirèrent sur un morceau de Gillespie, A Night in Tunisia, irgendwo, ich gehe über die bar nochmal, höre nochmal genau hin, lasse mir noch einmal alles erzählen, ici, le Nouveau-Mexique, chacun pour soi, la merde pour tous, ich mache die tür der tram 83 auf und zu, quietscht sie? ist es eine einflügelige tür, zu einem wohnwagen, sieht jetzt von hier aus alles aus wie in einem david lynch film, blue velvet, hat die tür ein bulls eye? ist es eine metallene tür? ich sehe immer ein bulls eye, wenn ich tram 83 sage, dann nocheinmal das verbotsschild, nocheinmal die gespräche, die prostituierten im rentenalter, die pfingstkirchenpfarrer, die nachtklubärzte, die liebhaber von pornofilmen, un couple authentique, postcolonial, s’assit à côté d’eux, nocheinmal die hühnerhofphiliosophen, die organhändler, die soldaten-witwen, die siamesischen zwillinge schaue ich mir zweimal an, die wegelagerer, die aufständischen dissidenten, die altwarenhändler, die erzschürfer, die druiden oder schamanen, noch einmal die soldaten ohne gelegenheit zu vergewaltigen, noch einmal die gewohnheitstrinker und die minenarbeiter, die milizionäre und die marabus, noch einmal lasse ich sie zu wort kommen, weil ich mich verlaufen habe, ich dachte wir seien ganz woanders, in einer ganz anderen zeit, Monsieur est Belge?

© thomas köck

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